FIBROSITIS
Nach dem Roche Lexikon ist Fibrositis ein Oberbegriff für die, z.T. als "Weichteilrheumatismus" bezeichneten, schmerzhaften Zustände bzw. krankhaften Vorgänge an Muskel und den bindegewebsreichen Strukturen der Skelettweichteile, Ner venscheiden usw.
Als Fibrositis wird aber im eigentlichen Sinne die Fibromyalg ie bezeichnet. Es soll hier aber nicht verschwiegen werden, daß die Bezeichnung "Fibrositis" für die Fi bromyalg ie nicht von allen Autoren gutgeheißen wird, z.T. werden darüber kontroverse Diskussionen geführt. Diese Diskussion ficht uns nicht an, da die betroffenen Patienten erheblich unter diesem Krankheitsbild leiden, sie möchten daß ihnen geholfen wird, egal wie diese Schmerzerkrankung letztendlich korrekt bezeichnet wird.
Die Fibrositis ist eine häufig auftretende Schmerzkrankheit, die nicht auf bestimmte soziologische und ethnische Gruppen sowie Rassen beschränkt ist. Ca 0,7 bis 3,2% der Bevölkerung sind von dieser Krankheit betroffen, Frauen viel häufiger als Männer. Dieses Schmerzsyndrom tritt am häufigsten bei Frauen zwischen 20 und 50 Jahren auf, ist aber auch bei älteren Patienten immer wieder anzutreffen.
Das Krankheitsbild der Fibrositis ist durch eine Vielzahl diffuser, breitflächiger, spontan schmerzhafter Regionen mit wechselnden "rheuma tischen" Beschwerden im muskuloskelettalen
(= Muskeln und Skelett betreffenden) System bei insgesamt deutlich erniedrigter Schmerz schwelle gekennzeichnet.Hier eine vollständige Übersicht über mögliche Symptome
(= Krankheitszeichen) bei Fibrositis:
Quelle: Prof. Dr. W. Müller, Prof. Dr. Wolfe, Prof. Dr.
P.A. Berg
| Tender-Points (= Schmerz-Druckpunkte) | 90,1-100 % |
| Myalgie (= Muskelschmerz) | 80-97,6 % |
| Hyperhidrosis (= krankhaft vermehrt Schweißbildung) | 76 % |
| Morgensteifigkeit | 67-77 % |
| Arthralgie (= Gelenkschmerz) | 60 % |
| Unverträglichkeitsreaktionen / Allergien | 60 % |
| Kopfschmerz / Migräne | 52,8-95 % |
| Depressionen | 31,5-51 % |
| Chronische Müdigkeit | 50-81,4 % |
| Colon irritable (= Reizdarmsyndrom) | 29,6-40 % |
| Dysmenorrhoe (= schmerzhafte Regelblutungen) | 40 % |
| Subjektive Schwellungen | 38 % |
| Schlafstörungen / fehlende Tiefschlafphase | 74,6-92 % |
| Konzentrationsschwäche | 32 % |
| Abgeschlagenheitsgefühl | 32 % |
| Schwindelgefühl | 27 % |
| Parästhesien (= Kribbeln, Prickeln, Taubsein) | 21-62,8 % |
| Ekchymosen (= kleine fleckige Blutungen / blaue Flecken) | 20 % |
| Sicca-Symptome (= Trockenheit der Schleimhäute) | 35,8-77 % |
| Subfebrile Temperaturen (37,1 – 38,0°) | 11 % |
| Blasenschmerz bei Reizblase | 10-26,3 % |
| Raynaud Krankheit (= (= Durchblutungsstörung der Hände u. Füße)) | 15-16,7 % |
| Tachykardie/Arrhythmie (=erhöhte bzw. unregelm. Herzfrequenz) | 24-50 % |
Hinzuzufügen wären noch das Restless legs-Syndrom (= unruhige Beine), das bei ca. 40% unserer Patienten vorlag.
Der Symptomkomplex "Müdigkeit" zeichnet sich aus durch:
Überschießende Reaktion auf physischen und psychischen Streß mit rascher
Ermüdbarkeit und rascher Erschöpfung, geringere Belastbarkeit,
Leistungsschwäche und Konzentrationsstörung.
Die Schlafstörung betrifft besonders die Tiefschlafphase IV (Non-REM-Phase),
verursacht ein Gefühl der Zerschlagenheit und verhindert einen erholsamen
Schlaf.
Regelmäßig finden sich bei Fibrositis druckschmerzhafte Punkte an 18 definierten Stellen (Tender points):
Umgekehrt gibt es bei der Fibrositis 13 nicht druckschmerzhafte Kontrollpunkte:
In der Regel können bei der primären Fibrositis
keine
Organerkrankungen aufgedeckt werden, die Röntgenbefunde sind normal, ebenso die
Laborwerte (Entzündungsparameter, Diff. Blutbild, Rheumaserologie,
Immunglobuline und Muskelenzyme). In 30-70% sind die Antikörper gegen Serotonin,
Phospholipide, Ganglioside und Nukleoli positiv.
Die Muskelbiopsie
Die Komplexität der Fibrositis-Symptome läßt großen Spielraum für differentialdiagnostische Erwägungen (= was außer Fibrositis noch an Krankheiten in Betracht kommen könnte):
Tritt die Fibrositis im Gefolge einer definierten Grundkrankheit auf, so spricht man von einer "sekundären Fibrositis".
Ätiologie (=
Krankheitsursache) und Pathogenese (=
Krankheitsentwicklung) der Fibrositis sind
noch unbekannt und führen zu kontroversen Spekulationen.
Psychologische
Faktoren, so z. B. psycho-soziale Störungen (Hansen 1991), scheinen aber
erheblich zur körperlichen Symptomatik (=
Krankheitszeichen) beizutragen. Jede Form von
körperlichem und seelischem Streß wirkt offenbar schmerzverstärkend (Bengtson
et al. 1986, Tilscher et Eder 1985).
Nach Tilscher und
Bogner (1974) werden bei weichteilrheuma tischen Synd romen (=
Erkrankungen) insbesondere depressive Symptome
gehäuft gefunden.
Viele Arbeiten zum Nachweis einer Koinzidenz (=
zeitliches Zusammentreffen von Ereignissen)
psychopathologischer (= krankhaft
psychischer) Phänomene bei
Panalgie (=
Ganzkörperschmerz)
-Synd romen sind aber methodisch nicht immer nachvollziehbar. Die Tatsache, daß
bei vielen dieser Patienten keine psychologischen Besonderheiten nachzuweisen
sind, spricht nach Wolfe (1984) gegen eine primär psychogenetische
Erklärung der Fibrositis. Die psychischen Besonderheiten bei einer
Reihe von Patienten könnten auch sekundär durch den Krankheitsverlauf
aufgetreten sein. Nicht selten bestehen Partnerschaftskonflikte (Hansen
1991).
Differentialdiagnostisch (= welche
Krankheiten außer Fibrositis noch in Frage kommen) ist zu bedenken,
daß sich hinter einer scheinbar monokausalen
Panalgesie
(= durch 1 Krankheit verursachter
Ganzkörperschmerz)
auch ein ps ychogenes (= psychisch verursachtes) Schme rzsynd rom verbergen kann.
Therapie der Fibrositis:
Das komplexe Beschwerdebild der Fibrositis erfordert eine stationäre interdisziplinäre, multimodale
(=
mehrere Maßnahmen beinhaltende) Therapie im
Rahmen der "speziellen Schmerztherapie" in einer
Schmerzklinik.
Bei multikausaler Genese (= durch
verschiedene Krankheiten verursachte Entwicklung)
der Pana lgesie
(= Ganzkör perschmerz)
werden die einzelnen Schmerzbilder entsprechend ihrer Dominanz behandelt. Da in
der Regel die Schmerzschwelle herabgesetzt ist, ist eine begleitende
schmerzdistanzierende Medikation mit einem tri- oder tetrazyklischen Antidepressivum
(z.B. Doxepin, Maprotilin), evtl. vorübergehend auch in Kombination mit einem
Neuroleptikum (z.B. Levomepromazin) (=
Mittel zur Behandlung der Psyche, aber auch gegen Schmerzen wirksam)
sinnvoll.
Hilfreich ist bei Fibrositis auch eine 3-4 tägige
psychovegetative Entspannung durch eine sogenannte "Schlafkur". Zur
wiederholten Schlafinduktion verwenden wir 1-2 mg Flunitrazepam (Rohypnol ®),
zusätzlich geben wir 1-2 mal täglich 40 mg Prothipendyl (Dominal forte ® ).
Zunächst sollte der Patient über die prinzipiell gutartige Natur der
Erkrankung aufgeklärt werden, wobei aber mögliche Folgen einer Chronizität
(psychosoziale Aspekte, Risiken einer ständigen Medikamenteneinnahme) nicht
verschwiegen werden sollten. Ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Arzt und
Patient kann den bis dahin unbefriedigenden Verlauf durchbrechen. Es ist aber
auch zu bedenken, daß weitere erfolglose Therapieversuche erneut zu
Enttäuschungen führen können, die einer weiteren Chronifizierung Vorschub
leisten.
Desweiteren ist ein therapeutisches Vorgehen erforderlich, das den
multifaktoriellen Ursprung der Fibrositis berücksichtigt. Dazu gehört
insbesondere eine begleitende
psychologische Schmerztherapie, die zu einer
Verbesserung der Schmerzverarbeitung bzw. Erhöhung der Schmerztoleranz
beiträgt (Schmerzbewältigung).
Eine schmerzdistanzierende, antidepressive
Behandlung sollte bei Patienten mit Fibrositis frühzeitig
eingesetzt werden, zumal damit auch eine Besserung der häufig bestehenden
Schlafstörungen zu erreichen ist. Periphere
Analgetika
(= Schmerzmittel) können versucht werden,
überwiegend ist damit jedoch keine zufriedenstellende Schmerzreduktion zu
erreichen. Auch der Einsatz von Opioiden (z.B. Morphium) ist oftmals
enttäuschend.
Eher sahen wir eine positive Wirkung bei Verabreichung von Muskelrelaxanzien
(= Mittel zur Muskelentspannung),
vor allem Tolperison (Mydocalm®). Alternativ kann Baclofen (z.B. Lioresal®)
verordnet werden.
Auch die
therapeutische
Lokalanästhesie
(=
Behandlung mit einem
örtlichen Betäubungsmittel)
in Form einer Triggerpunkt-Behandlung, Infiltrationen besonders schmerzhafter
Körperbereiche, aber auch Nervenblockaden, falls notwendig sogar kontinuierlich
mit Katheter (= eingepflanztem
Kunststoffschlauch) (optimal
im
Armbereich),
ist bei Fibrositis oftmals hilfreich.
Bei Vorliegen einer sympathischen
Überaktivität sind epidurale (=
rückenmarknahe) oder periphere
Sympathikusblockaden erfolgversprechend.
Physiotherapeutische Behandlungsmaßnahmen
(u.a. Krankengymnastik) werden meist als angenehm empfunden und steigern
damit das körperliche Wohlbefinden. Sie sollen dazu beitragen, den Fibrositis
-Patienten
mehr Vertrauen zum eigenen Körper zu vermitteln und die Mobilität zu steigern.
Werden z.B. nur Massagen verordnet, besteht die Gefahr, daß sich passive
Tendenzen im Krankheitsverlauf verstärken. Ohnehin sind die üblichen
Massagebehandlungen (Ausnahme: Spezialmassagen wie. z.B. Bindegewebsmassagen
oder Lymphdrainagen) aus schmerztherapeutischer Sicht völlig entbehrlich und
werden von uns auch nicht mehr verordnet.
Bei einer fortgeschrittenen Fibrositis ist die notwendige krankengymnastische Therapie meist schmerzbedingt nicht oder nur sehr eingeschränkt durchführbar, so daß übliche Rehabilitationsbehandlungen mit dem Schwerpunkt "Physiotherapie" zwar nicht umsonst, in aller Regel aber vergeblich sind. Der große Vorteil einer gezielten Schmerzrehabilitation ist der, daß den krankengymnastischen Beübungen jeweils eine intensive ärztliche Behandlung vorgeschaltet werden kann. Mit der therapeutischen Lokalanästhesie (= Behandlung mit einem örtlichen Betäubungsmittel bzw. Lokalanästhetika) läßt sich die Schmerzempfindung deutlich herabsetzen, so daß dann eine sinnvolle Krankengymnastik erfolgen kann.
Nur die konsequente Durchführung der genannten, interdisziplinär (= mehrere medizinische Fachrichtungen betreffende) angelegten Therapiemaßnahmen im Rahmen der speziellen Schmerztherapie kann bei Fibrositis eine, manchmal sogar eindrucksvolle Beschwerdelinderung bewirken.
k u 6.1.06 www.fibrositis.de